Die Schreie aus den Todeskellern Cizîrs sind unvergessen!

Am 7. Februar 2016 nahm das türkische Besatzermilitär ein systematisches Massaker in der kurdischen Stadt Cizîr (Cizre) vor. Das Massaker ereignete sich während der militärischen Ausgangssperre, welche ihren Beginn am 4. September 2015 fand und bis zum März 2016 andauerte. Im Zuge der Ausgangssperren wurden hunderte Menschen getötet, ein Großteil der Stadt wurde zerstört und eine gesamte Region traumatisierte. In Cizîr ereignete sich vor den Augen der gesamten Weltbevölkerung ein gezielter Vernichtungsversuch von KurdInnen.

Gesamte Straßen wurden überfallen, bombardiert und niedergebrannt. Hunderte Menschen wurden willkürlich getötet, Frauen wurden von türkischen Besatzersoldaten vergewaltigt, Panzer überfuhren Menschen, Polizeiaufgebote überwachten die Städte, Strom und Wasser wurden abgestellt, Läden und Häuser wurden geplündert, Scharfschützen positionierten sich auf Hochhäusern und schossen wahllos auf Kinder, Soldaten hinterließen Minenfallen auf den Straßen und auch IS-Kämpfer kamen zum Einsatz gegen die Zivilbevölkerung.
Cizîr wurde zum Zentrum von faschistisch und religiös motivierter Gewalt:

Nachdem der kurdische Kanton Kobanê im September 2014 vom türkisch-gestützten Islamischen Staat angegriffen wurde, löste dies Massendemonstrationen und Aktionen des zivilen Ungehorsams auf den Straßen Nordkurdistans aus. Auch die mehrheitlich kurdisch besiedelte Stadt Cizîr geriet mit politischen Aufständen und der ausgerufenen autonomen Selbstverwaltung ins Visier des türkischen Staates. So entfachte und legitimierte die Türkei dort ihren blutigen Vernichtungskrieg gegen die kurdische Bevölkerung und verübte brutale Anschläge auf zivilgesellschaftliche Strukturen.
Doch die Bevölkerung von Cizîr ließ keine Antwort aus und attackierte die Besatzer mit allen Mitteln:
Ganze Gehwege wurden auseinander gebaut und zu Barrikaden gestapelt. Jugendliche bewaffneten sich und besonders die kurdische YPS (Zivile Verteidigungseinheiten) machte sich weltweit einen Namen als zivile und historische Widerstandsgruppe gegen die faschistischen Besatzer des türkischen Staates. Monatelang kämpften kurdische Jugendliche mit Steinen und Gewehren entschlossen gegen Panzer, Hubschrauber, Wasserwerfer und weitere schwere Kriegswaffen.

Der Widerstand der Bevölkerung führte dazu, dass die erste Ausgangssperre nur neun Tage andauerte und es den Kräften des türkischen Staates, trotz des Einsatzes aller Art schwerer Waffen, nicht gelang, in die Gebiete, die sich im Widerstand befanden, einzudringen. Bei den Kämpfen gegen die Besatzer verloren jedoch mehr als 80 Mitglieder*innen der Verteidigungseinheiten YPS und etwa 300 ZivilistInnen ihr Leben.

Die Keller von Cizîr

In Cizîr beging der türkische Staat Kriegsverbrechen einer anderen Dimension.

Hunderte Menschen, die Schutz vor den staatlichen Angriffen suchten, versteckten sich in Kellern von Häusern. Das türkische Militär umstellte diese Häuser, hielt hunderte Menschen in Kellern gefangen, folterte sie, zündete sie an, verbrannte hunderte Menschen darin und ließ sie anschließend unter den Trümmern der bombardierten Häuser verschwinden.
Vor den Augen der Weltöffentlichkeit wurden in Cizîr Menschen bei lebendigem Leib verbrannt!
Abgeordnete der Partei HDP eilten währenddessen nach Cizîr, um das Massaker aufzuhalten. Dabei wurden sie Zeugen eines bereits unaufhaltsamen Krieges. Obwohl sie den Aufenthaltsort der sich in den Kellern befindenden und schreienden Menschen an internationale Stellen wie die Vereinten Nationen, den Europarat oder die Europäische Union weitergaben, wurde das türkische Besatzermilitär nicht gestoppt. Der Aufschrei der Bevölkerung und der HDP prallte an Menschenrechtsorganisationen ab, internationale Medien entsetzten sich kurz, dann war das Massaker von Cizîr schon wieder vergessen. Man ließ gleichgültig ein Massaker an Kurden zu.

Das Verbrennen von Menschen zeigt die dschihadistische Motivation des türkischen Besatzerstaates und den grenzenlosen und Generationen-langen Hass gegen KurdInnen. Zudem begonnen Polizisten und Soldaten ihre Einsätze in Cizîr mit dem kollektiven Ausruf “Allahu ekber“ (deutsch: “Gott ist groß“), den sie auch auf Häuserfassaden schmierten. Dazu hinterließen sie faschistische Slogans an den Wänden und hingen türkische Nationalflaggen an unzähligen Ecken der Stadt auf.

Währenddessen wurde eine Nachrichtensperre über Cizîr verhängt. Nur staatsnahe Sender berichteten und sprachen über eine sogenannte „Neutralisierung von kurdischen Terroristen“, während hunderte ZivilistInnen systematisch massakriert wurden. Diese altbekannte Kriegslegitimation unterstützte auch der ehemalige türkische Ministerpräsident Davutoglu, während die mordenden und vergewaltigenden Polizisten und Soldaten Sieges-Posen mit den verbrannten Leichen von mindestens 30 Personen in den sozialen Netzwerken verbreiteten.
Bis heute wird das Massaker in Cizîr trotz aller Beweise und Berichte zahlreicher JournalistInnen von der türkischen Regierung abgestritten. Worauf stützt sich dieses Leugnen? Auf die passive Haltung der Vereinten Nationen! Die Haltung der allgemeinen internationalen Staatengemeinschaft zu diesem Massaker schwankten auch diesmal zwischen passiver Tatenlosigkeit und aktiver Unterstützung für den NATO-Partner Türkei – man ließ die KurdInnen bewusst attackieren und massakrieren.
An einer friedlichen Lösung des von der Türkei begonnenen und jahrzehntelang geführten Krieges, bestand aus türkischer Sicht niemals Interesse. Der türkische Besatzerstaat strebt bereits seit seiner Gründung nach einer ethnisch und religiös gleichgeschalteten Nation und setzt dafür alle möglichen Kriegsmittel gegen dortzulande lebende Minderheiten ein. Besonders Erdogan genießt das faschistische Erbe Atatürks und Ecevits. Denn der kollektive Hass und Krieg gegen die KurdInnen verhilft Erdogan, seine Machtbasis zu festigen.
Die Verbrechen in Cizîr, Nisebîn, Gever und weiteren Städten Kurdistans zeigen das Abbild des türkischen Besatzerstaates. Diese kriegerische und bestialische Eskalation steht unter ewiger Verantwortung der CHP, MHP und AKP und darf niemals vergessen oder vergeben werden! Bis zu dem Tag, an dem der Faschismus in der Türkei begraben wird, wird sich der türkische Besatzerstaat vor kämpfenden und Widerstand leistenden Kurdinnen und Kurden fürchten müssen.
Cizîr – endloses Leid und furchtloser Widerstand: Kein Name und keine Tat sind je vergessen! In Gedenken an all diejenigen, die beim Massaker von Cizîr und im mutigen Widerstand ihr Leben ließen.
Lasst uns ihnen ein Versprechen geben: Die Welt soll von Cizîr erfahren.